Tanz der Ahnen

Kultfigur5Kunst vom Sepik im Berliner Martin-Gropius-Bau

Schon 1911 erkannte ein Berliner Museums-mitarbeiter den außerordentlich hohen ästhetischen Wert der Schnitzwerke vom Sepik – damals Teil der deutschen Kolonien. In der Folge haben zahlreiche Sammler aus der ganzen Welt diese Werke auf den immer abenteuerlichen Reisen auf dem Fluss und seinen zahlreichen Nebenarmen eingetauscht und erworben. Die Ausstellung zeigt bis 14. Juni 2015 eine Synthese dieses Kunstgebietes, die auch die Forschungsreisen der letzten fünfzig Jahre auswertet.

Erstmals stehen Kunstwerke aus Ozeanien im Zentrum einer Ausstellung des Martin-Gropius-Bau. Sie kommen aus einem Gebiet am Mittel- und Unterlauf des Flusses Sepik in Papua-Neuguinea. Etwa 220 Kunstwerke von zwölf Leihgebern – die bedeutendsten Museen Europas sind beteiligt – sind zu sehen. Die Ästhetik der Kunst der Sepikregion hat schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts europäische Wissenschaftler und Künstler fasziniert. Berlin war mit Basel ein Zentrum der Sepik-Forschung.

Die Sepikebene ist ein großes Wasser- und Sumpf-Gebiet. Entlang des Sepik, der sich über fast 1.200 Kilometer erstreckt, leben Gruppen von Menschen, die über hundert verschiedene Sprachen sprechen. Man darf sich also die Region des Sepik nicht als ein relativ homogenes Siedlungsgebiet vorstellen.

Kultfigur18Vor hundert Jahren von Berliner Forschern erkundet

Lange Zeit war der Sepik von den europäischen, amerikanischen und australischen Entdeckern und Reisenden übersehen worden. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde seine Mündung entdeckt und der Fluss von einem deutschen Schiff („Ottilie“) befahren. Der Strom wurde 1886 von den deutschen Kolonisatoren „Kaiserin Augusta-Fluss“ genannt und mündete nach damaliger Nomenklatur in die Bismarck-See. Es sollte jedoch noch Jahre dauern, bis wissenschaftliche Expeditionen organisiert wurden.

Vor allem große deutsche Institutionen bereiteten Forschungsreisen vor, so von Hamburg aus 1909 und von Berlin aus 1912-13. Das damalige Königliche Museum für Völkerkunde in Berlin richtete eine umfassende interdisziplinäre Expedition aus, deren Ergebnisse teilweise erst heute veröffentlicht werden können. Einer der Protagonisten dieser Forschungen entdeckte die Quellen des Sepik-Flusses, als schon der Erste Weltkrieg 1914 auch in der Südsee ausgebrochen war. Australien eroberte und übernahm 1914 die deutsche Kolonie „Deutsch-Neuguinea“ (1899-1914).

Hundert Jahre nach jener Berliner Expedition leistet diese Ausstellung einen wichtigen Beitrag, auch dieses große Berliner Unternehmen ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, denn erst seit dieser mehrjährigen Expedition ist das Sepikgebiet eine der bedeutendsten Regionen der ethnographischen und wissenschaftlichen Forschungen in der Südsee geworden.

Tanzmaske

Erinnerungen an die mythische Zeit

Die Taten der Ahnen haben die Welt der Menschen geschaffen. Ihre Verwandlungen manifestieren sich in der Umwelt und in den kulturellen Zeugnissen. Die Ahnen, so denkt man, haben das breite Flussbecken des Sepik geschaffen, auf dessen Uferdämmen die Wohnhäuser stehen. Von zentraler Bedeutung sind die Tanzplätze; auf ihnen treten die Ahnenfiguren auf und erinnern an die Taten der mythischen Zeit. Die Tänzer verkörpern mit ihrem reichen Schmuck und ihren farbenprächtigen Maskenfiguren diese Ahnen und werden eins mit ihnen.

Im Vordergrund der hier gezeigten Auswahl an ethnologischer Kunst steht auch deshalb das Motiv der menschlichen Figur, die allen Kulturen gemeinsam ist: der oder die Gründer-Ahnen von Siedlungen, menschlichen Gemeinschaften und ihrer natürlichen Umwelt. Der Verlauf der Ausstellung erlaubt den Besuchern, die unterschiedlichen Formen und Variationen zu verstehen, unter denen sich diese Ahnenfiguren manifestieren.

Die Werke faszinieren wegen ihrer überaus reichen Verzierung auf kleinen und großen Gegenständen und durch die Vermischung der in Europa strikt getrennten Gattungen (Malerei, Skulptur) des Gestaltens: Eine Kombination von Skulpturen in Menschenform und Oberflächenverzierung, von Ornamenten auf Palmblattstielen und Zeremonialhäusern, von modellierter, figürlich ausgestalteter Keramik, genutzt zur Aufbewahrung oder Zubereitung von Nahrungsmitteln.

Zu sehen sind ein großes Auslegerboot und ein Einbaum, reich verzierte Pfosten von Männerhäusern, gewaltige Schlitztrommeln, kräftige Ahnenfiguren und prächtig geschmückte Maskengestalten. Die Flussebene ist ein Mosaik von linguistischen Gruppen. Die etwa neunzig Sprachen erklären zu einem Teil auch die Verschiedenheit der hergestellten Objekte. Neben den Reichtum an Riten tritt eine bemerkenswerte Fülle von Objekten, deren formale Gestaltung häufig überraschend, faszinierend und exotisch wirkt.

Mehr Informationen zur Ausstellung gibt es auf den Seiten der Berliner Festspiele

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